Ich komme in Locarno zur Welt. Meine Kindheit verbringe ich südlich davon auf dem Monte Bré. Ich glaube, dass die meisten, die schon mal auf dem Monte Bré waren, bei mir zu Hause waren. Kein Witz. Man kommt fast nicht daran vorbei. Nach der letzten Kurve vor dem Dorf steht es da: mein Zuhause. Hinter ihm das ganze Dorf. Und sei es für eine Limo auf der Terrasse, oder um Zigaretten zu kaufen, ein Zimmer zu beziehen, oder einfach nur, um die Toiletten zu benutzen, jeder kommt mal rein.

Wir wohnen im obersten Stock des Hotels. Meine Eltern haben das Haus zwei Jahre zuvor gekauft und sind seitdem beschäftigt, Kredite, Rechnungen und Angestellte zu bezahlen. Ich spiele währenddessen Fangen auf den Friedhofsmauern, verdiene Geld beim Gottesdienst, glaube an Märchen und werde Vegetarierin.

1989 zieht meine Mutter mit meinem Bruder und mir in die Stadt. In einen Wohnblock, in dem der Hauswart mit dem Besen Katzen schlägt. Mein Vater bleibt alleine auf dem Berg.

Zwei Jahre später folgt der große Umzug nach Luzern. Ich bin elf Jahre alt und stehe mit meinen Freundinnen weinend auf dem Parkplatz. Die Koffer sind gepackt. Wir schwören uns ewige Freundschaft und werden uns nie wiedersehen. Das Leben spielt sich nun auf Deutsch ab. Rechnen werde ich trotzdem weiter auf Italienisch. Träumen auch.

Dann kommt die Pubertät. Wie schreien, „mach kaputt, was dich kaputt macht“ und machen uns selbst kaputt. Ich könnte vieles schreiben. Von den Drogen, die wir nehmen, vom ersten Kuss oder von der Nacht, als ich als Fünfzehnjährige in den Pariser Banlieues den Taxis winke und keines anhält, weil die Gegend zu gefährlich ist. Oder als mich die Modelagentur, die auch schon Cindy Crawford entdeckte, nach Mailand einlädt und ich jedoch nur bis zur Landesgrenze komme, weil ich meinen Pass zu Hause vergessen habe.

Ich könnte von meiner Rap Karriere erzählen, die nie stattfindet. Vom Ehrgeiz, trotzdem jeden Tag ins Tonstudio zu gehen, von dem Gefühl, Lil` Kim sein zu wollen und dabei auszusehen wie Cindarella. Oder von der Zeit, als ich meine kriminelle Ader entdecke und statt damit reich zu werden, 2.000 Euro Lehrgeld zahle. Ich habe viele Dummheiten gemacht. Ich habe von den 100.000 Entscheidungen, die man am Tag trifft, sicher die Hälfte falsch getroffen. Aber man lernt dazu.

2003 wird Deutschland meine Wahlheimat. Ich spiele in Kurzfilmen und TV Produktionen mit. Doch die Rollen, die ich bekomme, sind meistens nicht die Rollen, die ich gerne spielen würde. Studentin oder Prostituierte, für mehr reicht die Fantasie der Caster nicht. Vielleicht ist es auch mein Talent, das nicht für mehr reicht. Keine Ahnung.

Im Fernsehen läuft Rocky. Ein Freund erzählt mir, dass Sylvester Stallone das Drehbuch schrieb und es, unter der Bedingung die Hauptrolle zu spielen, Filmproduzenten anbot. Er setzte sich durch, ein No-Name mit Muskellähmung im Gesicht. Das ist genug Motivation. Ich fange an, ein Drehbuch zu schreiben. Doch der gleiche Freund, der mir von Rocky erzählte, findet es vollkommen unrealistisch fürs erste Drehbuch einen Produzenten zu finden und dazu die Hauptrolle spielen zu dürfen. Ich ändere meinen Plan. Um das Interesse von Produzenten zu wecken, muss erst mal einerfolgreicher Roman her. Ich schreibe.

2012 liegt mein Buch in den Läden. Ich signiere sie mit Rocky. Bäm! Der erste Schritt ist gemacht. Doch während ich den Roman schrieb, passierte etwas Merkwürdiges: ich wurde älter. Oder anders gesagt, ich merkte, dass Schreiben viel geiler ist als Spielen. Warum etwas darstellen, das sich irgendjemand ausgedacht hat, wenn man selbst etwas kreieren kann? Diesmal muss ich mich nicht entscheiden. Ich tue es einfach. Ich schreibe an Drehbüchern mit, texte für Marken, trinke Kaffee mit meiner Literaturagentin und arbeite an meinem nächsten Roman. So kann es weitergehen.

Doch dann kommt Weihnachten. Ich will meinem Mann etwas schenken, aber eine zweite Playstation braucht kein Mensch und ich will auch nicht unsere Ehe riskieren, indem ich ihm wieder eine elektrische Zahnbürste schenke. 

Letztens meinte er, unsere Wände seien zu weiß. Ich könnte ihm einen Eimer Farbe unter den Weihnachtsbaum stellen oder vielleicht doch ein Bild für’s Wohnzimmer schenken. Im Internet finde ich nur Poster, die alle irgendwie nach Ikea aussehen. Und wirklich groß sind die auch nicht. Und auch nicht wirklich geil. Ich gehe in Kunstaustellungen und frage mich, wo jetzt hier die Kassen sind.

Am Ende fahre ich zu einem Künstlerbedarf-Laden, kaufe die größte Leinwand, die ich transportieren kann, und fange an zu malen. Wobei ganz so einfach ist das nicht. Eine zwei Meter große Leinwand lässt sich nicht so gut vor dem Ehemann verstecken und einem neugeborenen Jungen ist es egal, ob die Mama gerade malen will. Und die zweijährige Tochter will natürlich mitmalen.

Trotz des ganzen Chaos ist das Bild, Tadaaaa, an Heiligabend fertig. Nach den Feiertagen renne ich los und kaufe eine Staffelei. Ich habe Acryl geleckt.

Rocky feiert vierzigjähriges Jubiläum. Eigentlich bräuchte ich wieder so ein Vorbild wie damals. Einige Tage später lese ich von einem Typen mit Muskellähmung im Gesicht, der als Schauspieler keine Rollen bekam, ein Drehbuch schrieb, die Hauptrolle spielte, ein Weltstar wurde und so ganz nebenbei auch ein gefragter Maler ist. Sylvester Stallone ist Maler! Krass.

Wenn ich also in Zukunft mal wieder nicht weiterwissen sollte, dann werde ich nicht mehr die falschen Entscheidungen treffen, ich werde mich einfach fragen, was Stallone an meiner Stelle tun würde.