Ich kam in Locarno zur Welt. Meine Kindheit verbrachte ich in der italienischen Schweiz auf dem Monte Bré in einem Dorf mit vierhundert Einwohnern, das seit vielen Jahren langsam ausstirbt. 

Wir schworen uns ewige Freundschaft und sahen uns nie wieder.

Mein Zuhause wurde auf Postkarten gedruckt, wie eine Sehenswürdigkeit. Achthundert Meter über dem Meer. Das erste Haus nach der letzten Kurve, hinter ihm das ganze Dorf aus alten Steinhäusern, die am Berg kleben. Wir wohnten im obersten Stock des Hotels. Meine Eltern hatten das Haus zwei Jahre zuvor gekauft und waren seitdem damit beschäftigt Rechnungen und Angestellte zu bezahlen. Es war ein Haus voller Geschichten. Mein ganz eigenes Grand Budapest Hotel. Ohne Concierge und ohne Silberbesteck, dafür mit sagenumwobenen Truhen, Stühlen und Spiegeln des letzten österreichischen Kaisers, dem Großneffen von Sissi, die durch Exil, Wendungen und Versteigerung vor bald hundert Jahren in unseren Familienbesitz kamen. Es war ein lebhafter Betrieb und ich stand mittendrin und sog alles in mich auf. Raufereien, Diebstähle, Hochzeiten, Unfälle und einen heiteren Todesfall. 

Willy Brandt ließ sich auf der Terrasse fotografieren, doch das war vor meiner Zeit, und ich weiß es nur, weil das Bild bis zuletzt wie ein Familienfoto an der Wand hing. Im Winter fiel das Hotel in einen Winterschlaf und die Gastarbeiter aus Portugal gingen zurück zu ihren Familien. Im Frühling kamen sie wieder, beladen mit Geschenken für uns Kinder und der Trubel ging wieder von vorne los. Ich hatte Freunde von überall her. Manchmal blieben sie zwei Wochen, manchmal nur eine Nacht. Einige kamen jedes Jahr wie Weihnachten und Ostern und an Fronleichnam zog das ganze Dorf singend und betend mit Kreuzen und Weihrauch durch die schmalen Steingassen. 

Mit sechs Jahren beschloss ich kein Fleisch mehr zu essen, lange bevor ich von Massentierhaltung, der Rodung von Weideflächen und von klimaschädlichen Treibhausgasen wusste. Wahrscheinlich war ich einfach abgeschreckt von den verwitweten Frauen, denen der Priester die Hostie auf die Zunge legte und erzählte, dies sei der Leib Christis.

Ende der Achtziger trennten sich meine Eltern und meine Mutter zog mit meinem Bruder und mir in die Stadt. Zwei Jahre später dann die Scheidung und der große Umzug nach Luzern. Ich stand mit meinen Freundinnen weinend auf dem Parkplatz. Die Koffer waren gepackt. Wir schworen uns ewige Freundschaft und sahen uns nie wieder. 

Das Leben spielte sich nun auf Deutsch ab. Ich hasste alles daran. Die Sprache. Die Schule. Die Nachbarn. Die Pubertät stürzte auf mich ein. Wir besetzten Häuser und schrien „macht kaputt, was euch kaputt macht“ und machten uns selbst kaputt.

Wir standen wie Stalker an seinem Gartenzaun.

Wir holten Drogen aus Amsterdam und schliefen an Frankreichs Atlantikküste in Sanddünen. Wir lernten in den Pariser Banlieues die falschen Jungs kennen. Wurden abgezogen und irrten nachts durch Orte, wo nicht mal Taxis halten. Aus Punk wurde Rap. Ich schrieb kryptische Reime in meine Schulbücher und nahm sie auf Kassetten auf. Ich fuhr mit einer Freundin nach Berlin und bettelte bei einem Popstar um einen Plattenvertrag. Wir standen wie Stalker an seinem Gartenzaun und ich hatte keine Ahnung, dass ich Jahre später in seinem Musikvideo herumtänzeln würde.

Mit Fünfzehn wurde ich von der Modelagentur, die auch schon Cindy Crawford entdeckte, nach Mailand eingeladen. Ich kam aber nur bis zur Landesgrenze, weil ich meinen Reisepass Zuhause vergessen hatte. Zwei Jahre später packte ich erneut meine Taschen und diesmal kam ich nicht zurück. Erste eigene Wohnung, Schauspielschule und den Reisepass fest in meinen Händen.

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Dann weiter nach Deutschland. Ich spielte in Filmen und Fernsehproduktionen mit, verdiente mein Geld mit einer Daily Soap auf Pro7, mit Kamera im Selfiemodus und schlechten Drehbüchern, aber super Einschaltquoten. Es war ein bisschen wie die Sache mit McDonald’s. Keiner geht hin und trotzdem machen sie Milliarden Umsätze. Uns schaute sich auch keiner an und dennoch wurden wir ständig auf der Straße erkannt, nach Autogrammen gefragt oder beschimpft.

Mein Konto war zum ersten Mal nicht mehr im Minus. Ich rappte über Gucci Taschen und konnte sie mir zum ersten Mal auch leisten. Mein Leben drehte sich um Rap und die Drehs hielten mir den Rücken frei. Wenn ich rappte war ich unsterblich. Am Mikro war ich drei Meter groß und wurde trotzdem übersehen. Am Ende sieht man immer nur die Leute, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Ich war es nicht. Vielleicht war ich auch nur fucking fünfzehn Jahre zu früh.

Ich signierte es mit Rocky. 

Ein Freund sagte mir, wenn sich eine Tür schließe, öffne sich eine neue. Als ob Türen so funktionieren. Ich glaubte ihm kein Wort, bis zu dem Abend, als im Fernsehen Rocky lief und ich erfuhr, dass Sylvester Stallone das Drehbuch geschrieben hatte und es, unter der Bedingung die Hauptrolle zu spielen, Filmproduzenten anbot. Er setzte sich durch, ein No-Name mit Muskellähmung im Gesicht. Auf ein Mal schien wieder alles möglich. Ich fing an zu schreiben und 2012 lag mein Buch in den Läden. Die taz nannte es, „ein Rap Roman mit Punk Attitüde“ und ich signierte es mit Rocky.

In Berlin holte mich die Vergangenheit ein. Ich spielte im Musikvideo der Ärzte mit und sagte Bela B. nicht, dass ich weiß, wo er wohnt.

Den Ort, an den ich immer zurückgehen konnte, gibt es nicht mehr.

Mein Vater wurde älter und beschloss das Hotel zu verkaufen. Die Käufer höhlten das Hotel wie ein Kürbis aus noch bevor das Geld auf seinem Konto war. Sie rissen die Böden raus und bauten Eigentumswohnungen rein und der Bauschutt vergrub meine Kindheit unter sich. Ich konnte mich nicht mal mehr verabschieden. Aus den Kaisermöbeln wurde Brennholz und der Rest wurde entsorgt. 

Den Ort, an den ich immer zurückgehen konnte, gibt es nicht mehr. Doch wenn ich mit meinem achtzigjährigen Vater unterwegs bin, ist er immer noch der Hotelier, als wäre Hotelier sowas wie Schriftsteller, was man für immer bleibt. Er verteilt Visitenkarten und erzählt den Leuten von seinem Hotel auf dem Monte Bré. Und in diesem Moment ist es wieder da, mein Grand Budapest Hotel, und ich bin mittendrin, als wäre ich nie weggewesen. 

Ende. Vorerst.